Freitag, 3. Oktober 2014

[Persönliches] Wächst wirklich zusammen, was zusammen gehört?

Seit 24 Jahren besteht Deutschland nicht mehr aus zwei Ländern. 24 Jahre, glaubten damals viele, würden ausreichen, um auch in den Köpfen der Menschen aus zwei Ländern nur eines zu machen.
24 Jahre sind in einem Menschenleben eine recht lange Zeit, und man sollte meinen, dass die deutsche Teilung im Alltag keine Rolle mehr spielt – zumindest bei denen, die 1990 noch nicht alt genug waren, um ihre Welt bewusst wahrzunehmen, denn sie sind in einem Land groß geworden.

Von vielen Seiten höre ich, dass die Herkunft Ost/West bei unserer Generation (ich fasse diese jetzt mal als die heute 20-30jährigen zusammen) vollkommen irrelevant ist. Nur die Ewiggestrigen verharren in ihren Ansichten über „die da drüben“ – je nach eigener Herkunft also Menschen aus dem Westen oder auch dem Osten Deutschlands.

Lange dachte ich genauso.

Ich bin in der DDR geboren, doch in der BRD eingeschult worden. Ich kann mich noch an Einzelheiten aus der Vorschulzeit erinnern, und natürlich hat sich auch das Leben auf einem Bauernhof in der ostdeutschen Provinz nicht von einem Tag auf den anderen geändert. Strukturen und Verhaltensweisen, die sich über Jahrzehnte eingeschliffen haben, verschwinden nicht so einfach.
Trotzdem habe ich Unterschiede zwischen Ost und West nie als problematisch wahrgenommen.

Das änderte sich zum ersten Mal während meines Auslandsstudiums. 
Ich habe mit fünf „Westdeutschen“ zusammen gewohnt, für die ich als ehemaliges DDR-Kind eine Kuriosität darstellte. Die Mädels, die alle um 1991-1993 herum geboren worden waren, hatten sich bisher nie mit den zwei Lebenswelten befasst und auch kein großes Interesse an der innerdeutschen Vergangenheit (und Gegenwart) gezeigt. Es kamen in der Tat ernstgemeinte Fragen danach, ob wir auch schon „richtige“ Straßen und fließendes Wasser hätten; auf meine Gegenfrage, ob denn schon jemals eine von ihnen im Osten gewesen sei, wurde ich schockiert angestarrt. Ein Urlaub dort war (und ist) anscheinend für viele keine Option.

Nicht zu vergessen mein damaliger Freund, der aus Hamburg stammte und den ich dort kennen gelernt hatte. Ich durfte mir fast täglich Witze über meine Herkunft anhören und sollte mitlachen, wenn er mir eine Banane schenkte („Sowas hattet ihr doch damals nicht!“). Dass diese Beziehung nicht hielt, muss ich wohl kaum erwähnen.

Ähnliches passierte mir vor wenigen Wochen auf meiner Arbeit erneut. Ich bin vor ein paar Jahren nach Hessen gezogen, empfand das Leben hier nie als Problem bzw. mich als Kuriosum.

Gut, der schrullige alte Nachbar, der eine andere Bewohnerin unseres Mietshauses, die ebenfalls aus Sachsen-Anhalt kommt, und mich häufiger verwechselt („Ach, Sie sind’s. Ich dachte, es wäre die Dicke aus dem Osten.“). Oder unsere Vermieter, die gelegentlich vorsichtige Bemerkungen zu Unterschieden in Gewohnheiten von Ost und West anstellen (Kinder früh in KiTas geben, Berufstätigkeit der Frau), und versuchen, sich ihr Naserümpfen möglichst wenig anmerken zu lassen. Aber damit kann ich leben. Die Generation 60+ hat die Teilung ganz anders erlebt als ich.

Auf meiner Arbeit und in meinem Team fühle ich mich eigentlich sehr wohl. Meine Kollegen sind fast ausnahmslos in meinem Alter, die Herkunft (zwei andere kommen aus Sachsen, die restlichen aus Hessen), war nie ein Thema. Bis neulich das Gespräch auf Dialekte kam und eine gleichaltrige Kollegin und unser Praktikant, Jahrgang ’88, einhellig der Meinung waren, sie seien froh, dass man bei mir diesen „Ossi-Sprech“ kaum höre. Mein Hinweis, dass sie wohl sächsisch meinten, ich aber aus dem Norden Sachsen-Anhalts komme, taten sie damit ab, dass wir Ossis doch alle gleich klängen, ich ja auch nicht ostwestfälisch von niederhessisch unterscheiden könne und das eben so sei – man habe auch gar kein Interesse daran, sich mit dem Osten näher zu befassen und nicht vorhandenes Wissen zu erlangen. Das hat mich gelinde gesagt schockiert – zwei aufgeschlossene, kluge junge Menschen, die nahe der ehemaligen Grenze aufgewachsen sind und nicht das geringste Bedürfnis haben, über ihren Tellerrand hinaus zu schauen. Zwei junge Menschen, die zur Zeit der Wiedervereinigung noch in den Windeln lagen bzw. noch nicht zur Schule gingen, ihre Kollegen aber anscheinend nach ihrem (zum Teil nicht vorhandenen) Dialekt beurteilen und sich über deren Herkunft amüsieren.

Ich finde es anstrengend, diesen Spagat halten zu müssen, zwischen müde mitlachen, wenn wieder jemand Ossi-Witze reißt, und der Spielverderberrolle, wenn ich nicht anerkenne, dass Sticheleien doch lustig gemeint gewesen seien.

Eigentlich ist die Teilung bwz. Wiedervereinigung ein Thema, das in meinem täglichen Leben keine Rolle spielt – ich bin in der BRD aufgewachsen und empfinde mein Leben hier als natürlichen Zustand.

Aber wenn ich nicht kontere, wenn ich tatenlos mit anhöre, wie man sich über das Land lustig macht, aus dem ich komme, wenn man das Leben herabwürdigt, das meine Eltern (und auch ich) geführt haben, setze ich mich gleichzeitig auch selbst herab. Das will ich nicht und werde so unweigerlich zum Verteidiger eines Systems, das mir fremd ist, das aber meine Eltern und so auch meine Erziehung geprägt hat. So entsteht eine neue Barriere, anstatt dass sie verschwindet.

Solange wir unsere Mitmenschen nicht als gleichwertig betrachten, egal, ob sie aus Ostfriesland, Bayern oder Brandenburg kommen, kann von einer erfolgreichen Wiedervereinigung in meinen Augen keine Rede sein – erst müssen auch die Mauern in den Köpfen fallen.


Wie geht es euch in dieser Hinsicht? Woher stammt ihr? Spielt eure Herkunft für euch eine Rolle? Wie seht ihr Deutschland "25 Jahre danach"?

Kommentare:

  1. Ein sehr interessanter Post. Ich komme gebürtig auch aus dem "Osten" und stand vor ganz ähnlichen Problemen, als es mich als Jugendliche in den "Westen" verschlug...Ich dachte, unsere Generation sei längst darüber hinweg, aber ich irrte mich...Ich war noch "exotischer" als aus dem Ausland stammende Schüler, durfte mir Ossi-Witze von einem polnisch (!) stämmigen Mitschüler anhören und bekam so Fragen gestellt wie: Wie hast du denn im Osten überleben können, wo ihr doch nur Spreewaldgurken zu essen hattet? Oder: Hattet ihr überhaupt so was wie Klopapier? Selbst einige Lehrer konnten sich gewisse Sprüche nicht verkneifen...Tja, dumm nur, dass ich mich nicht unterkriegen ließ, ich trotz allem freundlich, aber bestimmt blieb, ich verbal äußerst schlagfertig und nicht (wie von vielen erwartet) blöd oder faul war (Ich weiß noch, wie verblüfft meine Mitschüler waren, wenn ich als Einzige im Unterricht sehr spezielle und schwierige Fragen beantworten konnte-da fiel so einige Kinnlade herunter ;)...Tja, letztlich wurde ich (wohl die erste) aus dem Osten stammende Schülersprecherin jener Schule und ich war irgendwie ziemlich stolz darauf und habe mich gerne für meine Mitschüler engagiert...Auch heute noch muss ich mir hier und da Sprüche anhören, aber ich bin zum Glück eloquent und selbstbewusst genug, um damit klar zu kommen...Interessant ist nur, dass ich selbst nie irgendwelche Vorurteile gegen Wessis hatte. Vielleicht war es deshalb anfangs sehr schwer für mich, zu begreifen, dass es andersherum eben anders war und ist...Und auch ich kenne übrigens das Phänomen, dass mich viele verblüfft darauf ansprechen, dass ich ja gar nicht den typischen "Ossi-Akzent" hätte...Tja, wenn man denn wüsste, dass der Osten eben nicht nur aus Sachsen bestand, wäre ihnen einiges klarer ;)

    Ich befürchte, es wird noch sehr lange dauern, bis alle Vorurteile ausgeräumt sind, aber hey, wir schaffen das schon! ;)

    Liebe Grüße :)

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  2. Ein sehr interessanter Post. Ich denke auch, dass die Mauer leider in vielen Köpfen bleiben wird. Ich bin auch erstaunt, dass das noch so tief in unserer Generation verwurzelt ist, obwohl wir davon ja kaum was mitbekommen haben. Ich hoffe, dass es bei meinen Kindern, nicht mehr so ist.

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  3. Interessant, dass du das Thema hier aufgreiftst. Ich habe mich auch gefragt, warum es die heutige Generation überhaupt noch einen Unterschied macht. Ich war immerhin noch ein Kind und in meinem Kopf ist immer der Gedanke, dass die Mauer ja auch nicht immer da war, sondern gebaut wurde und wir mit dem Mauerfall nur wieder zurück zum "Originalzustand" gegangen sind.
    Ich mache keine Unterschiede ob jemand aus dem Osten oder Westen kommt, denn mir ist es auch egal, aus welchem Land andere Menschen kommen, für mich sind alle gleich.
    In jeder Region gibt es unterschiedliche Lebensweisen etc. und das hat meiner Meinung nach nichts mit Ost und West zutun.
    Das Denken, das manche Leute dazu heute immer noch haben, finde ich ziemlich kleinkariert, aber ich kenne leider auch einige, die heute noch über "Ossis" lästern. Aber ich schätze, das ist wie mit jeder Art von Vorturteil, manche haben sie, andere nicht.

    Liebe Grüße, Jasmin

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